be­züg­lich des Vor­trags „Der Iran im Fa­den­kreuz west­li­cher In­ter­es­sen“ von Die Linke.​SDS Halle (Saale) am 30.​11.​2013

Zur Dop­pel­mo­ral der Hal­len­ser Lin­ken
Würde eine Hal­len­ser Stu­den­ten­grup­pe einen Re­fe­ren­ten zu einem Abend­vor­trag ein­la­den, der eine Aus­stel­lung des Bun­des der Ver­trie­be­nen un­ter­stützt, die nach­weis­lich Ge­schichts­klit­te­rung be­treibt, dann wäre die Auf­re­gung in der lin­ken Szene groß. Käme noch hinzu, dass die­ser re­gel­mä­ßig gegen den pol­ni­schen Staat wet­tert und jede Er­wäh­nung der Vor­ge­schich­te die­ser Ver­trei­bun­gen aus­lässt, dann wäre in­ner­halb kür­zes­ter Zeit die ge­sam­te Zi­vil­ge­sell­schaft auf den Bei­nen. Die Mit­ar­bei­ter von Mit­ein­an­der e.V. wür­den eif­rig Pres­se­mit­tei­lun­gen schrei­ben, das Bünd­nis gegen Rechts eine Kund­ge­bung an­mel­den, die „so­zio­kul­tu­rel­len Zen­tren“ sämt­li­che Ko­ope­ra­tio­nen und Ver­an­stal­tun­gen mit be­sag­ter Stu­den­ten­grup­pe ab­sa­gen und An­ti­fa-​Ak­ti­vis­ten Sitz­blo­cka­den vor dem Ver­an­stal­tungs­raum or­ga­ni­sie­ren. Der Fall wäre klar: Der Re­fe­rent wäre ohne Zwei­fel ein rechts­kon­ser­va­ti­ver Sla­wen­hasser, des­sen Ge­schichts­klit­te­rung nie­mand un­wi­der­spro­chen hin­neh­men darf.
Glück­li­cher­wei­se han­delt es sich bei der Hal­len­ser Stu­den­ten­grup­pe um den SDS, der Stu­die­ren­den­or­ga­ni­sa­ti­on der Par­tei die Linke, bei der Aus­stel­lung nicht um den Bund der Ver­trie­be­nen, son­dern um die „Nakba“-​Aus­stel­lung von „Flücht­lings­kin­der im Li­ba­non e.V.“ und Ziel der ver­ba­len At­ta­cken ist nicht Polen, son­dern Is­ra­el. Für viele Linke ist die Sache damit klar: Der Re­fe­rent ist kein rechts­kon­ser­va­ti­ver An­ti­se­mit, der gegen Is­ra­el hetzt, son­dern ein lin­ker Frie­dens­freund, der le­gi­ti­me Kri­tik äu­ßert, denn Linke sind schließ­lich auf der Seite des Guten (und gegen Nazis) und kön­nen damit per se keine An­ti­se­mi­ten sein. Ent­spre­chend brau­chen weder Mit­ein­an­der e.V., noch das BGR in hek­ti­schen Ak­tio­nis­mus ver­fal­len und auch die so­zio­kul­tu­rel­len Zen­tren brau­chen nicht auf die Ge­trän­ke­ein­nah­men der lin­ken Frie­dens­freun­de ver­zich­ten. Wer die Deu­tung teilt, Linke stän­den immer auf der Seite des Guten, der braucht den Rest die­ses Flug­blat­tes nicht wei­ter zu lesen, denn gegen das Be­dürf­nis nach Iden­ti­tät lässt sich mit ra­tio­na­len Ar­gu­men­ten nicht an­ge­hen. Für alle an­de­ren, die der Mei­nung sind, dass Ge­schichts­klit­te­rung, an­ti­is­rae­li­sche Hetze und die Ver­harm­lo­sung kle­ri­kal­fa­schis­ti­scher Re­gime nicht hin­nehm­bar sind, haben wir im Fol­gen­den ei­ni­ge Fak­ten zur ge­plan­ten Ver­an­stal­tung und den An­sich­ten des Re­fe­ren­ten zu­sam­men­ge­tra­gen.

Der Re­fe­rent – Frie­dens­for­scher mit Herz für Ge­walt?
Dr. Wer­ner Ruf ist Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler und be­zeich­net sich selbst als Frie­dens­for­scher. Er hält re­gel­mä­ßig Vor­trä­ge über Is­ra­el und Pa­läs­ti­na. Unter an­de­rem trat er zu­sam­men mit Inge Höger auf, jener Links­par­tei-​Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten, die zu­sam­men mit is­la­mis­ti­schen Grup­pie­run­gen auf der Mar­mi-​Mar­va­ra gegen Is­ra­el se­gel­te. Zudem ist er Dau­er­gast des jähr­li­chen „Marx is muss“-​Kon­gress der trotz­kis­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on Mar­x21, die eben­falls für ihre re­gel­mä­ßi­gen Ver­ur­tei­lun­gen des jü­di­schen Staa­tes be­kannt ist.
Die Dar­stel­lun­gen Wer­ner Rufs fol­gen einem sim­plen Welt­bild: Der Wes­ten (allen voran Is­ra­el und die USA), un­ter­drü­cken auf Grund ihres Na­tio­na­lis­mus und ihrer öko­no­mi­schen In­ter­es­sen die ara­bi­sche Welt. Der Ter­ror is­la­mis­ti­scher Grup­pen ist ent­spre­chend nur eine Ver­tei­di­gung gegen die­ses Un­recht. Ruf gibt sich des­halb alle Mühe, den po­li­ti­schen Islam als „Be­frei­ungs­ideo­lo­gie“ und „Ent­ko­lo­nia­li­sie­rungs­be­we­gung“ zu ver­harm­lo­sen, des­sen Ge­walt eine Re­ak­tio­nen auf die „struk­tu­rel­le Ge­walt“ west­lich-​im­pe­ria­lis­ti­scher Herr­schaft ist. Ein Bei­spiel ist Rufs Ar­ti­kel „Po­li­ti­scher Islam – Eine Be­frei­ungs­ideo­lo­gie?“.
In die­sem Ar­ti­kel ver­harm­lost Ruf die Ge­walt is­la­mis­ti­scher Grup­pen, deren Ziel eine re­li­giö­se Dik­ta­tur und die Un­ter­drü­ckung des Ein­zel­nen ist und im Iran be­reits be­steht, indem er sie auf eine Stufe stellt mit den Ge­walt­ak­ten, die wäh­rend der ame­ri­ka­ni­schen und fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on statt­fan­den, die im Ge­gen­satz dazu die Be­frei­ung des In­di­vi­du­ums im Sinn hat­ten. Rufs gän­gigs­tes rhe­to­ri­sches Mit­tel ist es, Fra­gen zu stel­len und damit den An­schein zu er­we­cken, doch nur le­gi­ti­me Dis­kus­sio­nen an­re­gen zu wol­len und um sich jeg­li­chen Un­ter­stel­lun­gen und Vor­wür­fen zu ent­zie­hen. Auf per­fi­de Art und Weise gibt er so immer wie­der seine wahn­wit­zi­gen Po­si­tio­nen zum Bes­ten. So stellt der an­geb­li­che Frie­dens­for­scher sogar die Ge­walt pa­läs­ti­nen­si­scher Ter­ro­ris­ten gegen Zi­vi­lis­ten als dis­ku­tier­bar dar und er­klärt damit jü­di­sche Sied­ler zu Frei­wild. So heißt es im sel­ben Ar­ti­kel: „Ist es in asym­me­tri­schen Kon­flik­ten wie Ent­ko­lo­ni­sie­rungs­krie­gen über­haupt mög­lich, die Ge­walt nur auf die re­pres­si­ven Or­ga­ne der Ko­lo­ni­al-​ bzw. Be­sat­zungs­macht zu be­schrän­ken? Sind bei­spiels­wei­se Sied­ler in Al­ge­ri­en, Is­ra­el oder Süd­afri­ka zwar for­mal Zi­vi­lis­ten, de facto je­doch Teil des ko­lo­nia­len Un­ter­drü­ckungs­sys­tems und sei­ner Re­pro­duk­ti­on? Wer­den An­grif­fe auf sie (und ihre Fa­mi­li­en?) erst le­gi­tim, wenn sie selbst ge­walt­sam han­deln?“1
Die sys­te­ma­ti­sche Ab­hän­gig­ma­chung wei­ter Teile der Be­völ­ke­rung von den Macht­struk­tu­ren der je­weils herr­schen­den is­la­mis­ti­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen durch so­zia­le Dienst­leis­tun­gen wer­den von Ruf als west­li­che Pro­pa­gan­da ab­ge­tan: „in den west­li­chen Me­di­en ist es üb­lich, das so­zia­le En­ga­ge­ment der Is­la­mis­ten als rein tak­ti­sche Stra­te­gie zur Mo­bi­li­sie­rung von Le­gi­ti­mi­tät ab­zu­tun.“ Statt­des­sen, so Ruf, seien diese in der al­tru­is­ti­schen Re­li­gi­on des Islam an­ge­legt. Wäh­rend Ruf auf der einen Seite is­la­mis­ti­sche Be­we­gun­gen und deren Ideo­lo­gie ver­harm­lost, ist er in der ein­sei­ti­gen Ver­ur­tei­lung Is­raels und des Zio­nis­mus hin­ge­gen ein­deu­ti­ger: „Es gibt einen ge­ra­den Weg von der naqba, der Ka­ta­stro­phe, nach Gaza. Der Weg heißt Ver­trei­bung. Sein Baumeis­ter ist der Zio­nismus.“2 „Das was hier ge­sche­hen ist [Marvi Mar­ma­ra] hat Er­do­gan zu Recht „Staats­ter­ro­ris­mus“ ge­nannt.“, „Kann die­ser Staat [Is­ra­el] tun und las­sen was er will. Ist er ir­gend­et­was an­de­res als alle an­de­ren Staa­ten?“, „Is­ra­el hat schon immer für sich in An­spruch ge­nom­men, über dem Recht zu ste­hen.“3
Ruf ist zudem einer der pro­mi­nen­ten Un­ter­stüt­zer einer „Nakba“-​Aus­stel­lung, die auf­grund ihrer Ge­schichts­klit­te­rung in die Schlag­zei­len ge­riet.4 Wie in die­ser Aus­stel­lung, so fehlt auch in Rufs Ar­ti­keln und Vor­trä­gen jeg­li­cher Hin­weis auf den An­ti­se­mi­tis­mus pa­läs­ti­nen­si­scher Grup­pie­run­gen. So er­wähnt er bei­spiels­wei­se mit kei­nem Wort den Mufti von Je­ru­sa­lem, Amin al-​Hus­s­ei­ni , der nicht nur mit den deut­schen Na­tio­nal­so­zia­lis­ten kol­la­bo­rier­te und eine mus­li­mi­sche SS-​Di­vi­si­on auf­stell­te, son­dern auch die ara­bi­sche Be­völ­ke­rung Pa­läs­ti­nas, die sich nicht sei­ner Ideo­lo­gie un­ter­warf, bru­tal un­ter­drück­te. Ruf redet statt­des­sen lie­ber mi­nu­ten­lang über dis­kri­mi­nie­ren­de Ge­set­ze Is­raels gegen Pa­läs­ti­nen­ser, die deren „kul­tu­rel­le Iden­ti­tät“ zer­stö­ren wür­den, ohne auch nur ein ein­zi­ges Mal dar­über zu spre­chen, dass Juden in den Pa­läs­ti­nen­ser­ge­bie­ten mehr als nur einen Iden­ti­täts­ver­lust er­lei­den wür­den. Die­ses Mus­ter wird sich wahr­schein­lich bei der ge­plan­ten Ver­an­stal­tung fort­set­zen.

Der SDS Halle – Die Ver­ur­tei­lung Is­raels hat Sys­tem!
Wer nicht schon am Titel der ge­plan­ten Ver­an­stal­tun­gen er­ahnt, was der SDS mit sei­nem Vor­trag be­zweckt und viel­leicht glaubt, der SDS habe nur nicht rich­tig re­cher­chiert, wer von ihnen ein­ge­la­den wird, der muss eines Bes­se­ren be­lehrt wer­den: Die ein­sei­ti­ge Ver­ur­tei­lung Is­raels und die Ver­harm­lo­sung des Is­la­mis­mus und men­schen­feind­li­cher Dik­ta­tu­ren von Sei­ten des Hal­len­ser SDS sind keine Sel­ten­heit. So ver­öf­fent­li­chen die flei­ßi­gen Schrei­ber­lin­ge des SDS eben­falls re­gel­mä­ßig Ar­ti­kel auf ihrem Blog, in denen Is­ra­el ver­ur­teilt wird. Dort kann man in einer Buch­re­zen­si­on lesen, wie der SDS Is­rae­lis zu „Un­men­schen“ de­kla­riert, die wie­der mensch­lich wer­den sol­len: „Wie alle seine Ta­ge­buch­ein­trä­ge be­en­det der Ak­ti­vist Ar­ri­go­ni auch den oben ge­nann­ten Ein­trag mit den Wor­ten „Res­ti­amo umani“. Über­setzt be­deu­tet das in etwa „Mensch blei­ben“. Da­durch wer­den auch die Is­rae­lis ein­be­zo­gen und ein­ge­la­den, wie­der mensch­lich zu wer­den.“5 Eine Woche spä­ter folg­te ein Bei­trag über eine Spen­den­samm­lung der SPD für Bäume in Is­ra­el, die für den SDS eine „Un­ter­stüt­zung von Lan­d­raub“ dar­stellt.6 (Was mit den Gel­dern der EU und an­de­ren In­sti­tu­tio­nen in Pa­läs­ti­na pas­siert, in­ter­es­siert die Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten des SDS na­tür­lich nicht.) Ein Mit­glied des SDS in Halle er­klär­te in einem An­trag auf dem Kon­gress des Bun­des-​SDS sogar, dass die Ver­ur­tei­lung Is­raels und die So­li­da­ri­sie­rung mit Pa­läs­ti­na ein kon­se­quen­tes En­ga­ge­ment gegen An­ti­se­mi­tis­mus sei.7 Als Ver­se­hen kann der Vor­trag mit Dr. Ruf also kei­nes­falls an­ge­se­hen wer­den, son­dern viel­mehr als kon­se­quen­te Fort­set­zung der bis­he­ri­gen an­ti­is­rae­li­schen Po­li­tik des SDS. Die­ser Form des mo­der­nen An­ti­se­mi­tis­mus, wel­cher Is­ra­el zum Sün­den­bock für in­ter­na­tio­na­le Kon­flik­te und Pro­ble­me macht, wie der alte An­ti­se­mi­tis­mus die Juden zum Sün­den­bock er­klärt hat, wer­den wir ent­schie­den wi­der­spre­chen!

Of­fe­nes An­tif­a­p­le­num Halle (Saale) im Mai 2013

Fuß­no­ten:
1 http://​www.​werner-​ruf.​net/​pdf/​Stop_​05_​Terror.​pdf
2 http://​www.​rosalux.​de/​publication/​36978/​von-der-nakba-nach-gaza.​html
3 Alle Zi­ta­te aus: „Free Gaza“ – Ende der Blo­cka­de? Ge­spräch mit Inge Höger und Wer­ner Ruf:
http://​www.​youtube.​com/​watch?​v =S4KZhbb­qx­jQ
4 Siehe: http://​www.​juedische-​all­ge­mei­ne.​de/​article/​view/​id/​15777 und
http://​bgakassel.​wordpress.​com/​2011/​06/​01/​nakba-%E2%80%93-das-cafe-buch-oase-und-andere-katastrophen/​ sowie
http://​dighochschulgruppe.​files.​wordpress.​com/​2013/​08/​nakba_​web_​end-1.​pdf
5 http://​sdsmlu.​blogspot.​de/​2013/​04/​mensch-bleiben.​html
6 http://​sdsmlu.​blogspot.​de/​2013/​04/​spd-sieht-menschenrechte-vor-lauter.​html
7 An­trag A 14: http://​www.​linke-sds.​org/​die_​linkesds/​positionen/​11_​bundeskongress_​dez_​2012/​