Rechte Vorfälle auf der Christopher Street Day Demonstration

Vergangenen Samstag den 07. September 2019 wurde in Halle/Saale eine CSD-Demonstration mit anschließendem Straßenfest auf dem Marktplatz aus Anlass des 50-jährigen Jubiläum der Stonewall-Aufstände in New York City durchgeführt. Die Demo stellte das politische Aufbegehren von LGBT-Personen in den Vordergrund und gab sich damit selbst den Anspruch mehr als eine bloße Partyparade zu sein. Mit über eintausend Demonstrant*innen war die Demonstration sehr gut besucht und fand große Resonanz in der Stadt und der lokalen bzw. regionalen Medienlandschaft.

Wir möchten im Folgenden deshalb auf rechte Umtriebe und Ereignisse, die sich direkt oder indirekt auf den CSD bezogen, hinweisen und diese bewerten.

Während der Aufbauarbeiten am Steintor näherte sich der identitäre Faschist Dorian Schubert (1) dem Demostartpunkt und versuchte die aufbauenden Personen einzuschüchtern indem er sie abfotografierte. Als man ihn konfrontieren wollte, stieg er in eine Bahn und verließ den Schauplatz.

Im Laufe des Demonstrationsgeschehens bepöbelte ein stark angetrunkener Junggesellenabschied die Teilnehmer*innen mit dem Slogan „AfD statt CSD“ und versuchte Selfies von sich und der Demo zu schießen. Dank dem Einwirken einiger Genoss*innen wurde der besoffene Männerhaufen von der Demo verwiesen. Im weiteren Verlauf wurde eine Teilnehmerin des CSD vom Lautsprecherwagen des CSD Magdeburg e.V. herunter mit einer zu tiefst rassistischen Geste beleidigt. Die entsprechende Person wurde daraufhin angesprochen und entschuldigte sich halbherzig bei der Betroffenen. Die Veranstalter*innen wurden über den Vorfall im Nachhinein informiert.

Die Demonstration endete auf dem Marktplatz und wurde dort von einem Straßenfest des BBZ lebensart e.V. empfangen. Bei der Ankunft der Demo warf die neonazistische Kleinstpartei Der Dritte Weg visitenkartengroße Flugblätter mit der Aufschrift „Deutsche Familien schützen! Homopropaganda verbieten! CSD stoppen!“ aus einem Kaufhausfenster in die Menge. Genauso schnell wie die Flyer verteilt wurden, waren auch die Verantwortlichen wieder verschwunden. (Wir freuen uns über Hinweise und Zuschriften zur beschrieben Situation – Meldet Naziaktivitäten!) Laut Eigenangaben habe Der Dritte Weg bereits 2018 eine Aktion gegen den CSD in Halle organisiert, was sich jedoch nicht bestätigen lässt. Interessant ist hierbei, dass sich seit der Aufnahme von Till Weckmüller (2) in die rechtsextreme Burschenschaft HLB Germania im April 2019, vermehrt kleinere Propagandadelikte der Neonazipartei in Halle beobachten lassen.

Unter den Gästen des Straßenfestes befanden sich unterdessen einschlägig bekannte Rechtsextreme bzw. Verschwörungstheoretiker. Eine Person, die ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Freiheit für Adrian“ (3) trug und regelmäßig auf den rassistischen Montagsdemonstrationen von Ex-Blood&Honour-Aktivist Sven Liebich zu beobachten ist, wurde erfolgreich der Veranstaltung verwiesen.

Andere Menschenfeinde und Freunde von Sven Liebich z.B. die AfD-Mitglieder Jonas Jung und Stadtratsmitglied Donatus Schmidt wurden hingegen vom Veranstalter BBZ lebensart e.V., der übrigens Mitlgied von Halle gegen Rechts – Bündnis für Zivilcourage ist, auch nach eindringlichen Hinweisen auf dem Straßenfest geduldet. (4) Das BBZ argumentierte, dass die beiden ein „gutes Recht hätten hier zu sein.“ Uns ist unklar ob die beiden aufgrund ihrer Homosexualität oder aus falsch verstandenem Demokratieverständnis an der Veranstaltung teilnehmen durften. 

Während auf der Bühne von diversen Politiker*innen wie beispielsweise Hendrik Lange – Wir treffen uns, hier in Halle oder Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher Vereine und Organisationen zurecht vor dem Erstarken rechter Ungleichwertigkeitsideologien und insbesondere der AfD gewarnt wurde, durften sich gleichzeitig stadtbekannte Vertreter dieser Partei seelenruhig bei Bier und Musik vergnügen. Mit der bewussten Akzeptanz dieser Leute und der unglaublichen Konfliktscheuheit des BBZ auf dem Straßenfest wurde die menschenverachtende Politik der Rechten ein Stück weiter normalisiert anstatt ihr aktiv entgegenzutreten.

Die Ereignisse lassen für uns drei Schlussfolgerungen zu:

Erstens zeigen sie uns, dass Veranstaltungen wie der CSD, Geschlechtervielfalt oder unterschiedliche sexuelle Orientierungen zwar von der Mehrheitsgesellschaft unterstützt oder zumindest akzeptiert werden, aber den unterschiedlichsten Akteuren des extrem rechten Spektrums – von der offen neonazistischen Kleinstpartei zu den Fans der sich bürgerlich gebenden Faschisten – nach wie vor als wichtige Feindbilder dienen.

Zweitens zeigen sie uns, dass Homosexuelle, als Opfer gesellschaftlicher Ausgrenzung, durch diese Ausgrenzung nicht automatisch zu Menschen mit progressiven politischen Positionen werden.
Und Drittens zeigen sie uns, dass die „weltoffene Zivilgesellschaft“ in ihren Bekenntnissen zur Menschenwürde und Gleichheit aller Individuen keine Konsequenzen zieht, sobald eine ernsthafte politische Auseinandersetzung droht.

Für sexuelle Selbstbestimmung, unabhängig von Herkunft oder Aussehen! Gegen die Feinde der Freiheit in all ihren politischen Facetten!

(1) https://hosenrunter.noblogs.org/person…/kontrakultur-halle/…

(2) https://lsa-rechtsaussen.net/geschlossenheit-rechts-aussen…/ & https://stadtlandvolk.noblogs.org/post/tag/till-weckmuller/

(3) Es handelt sich um den Reichsbürger Adrian Ursache, der 2016 einen Polizisten anschoss und deshalb 2019 wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde.

(4) Bild & https://lsa-rechtsaussen.net/geschlossenheit-rechts-aussen…/

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