Der hier dokumentierte Redebeitrag wurde auf einer von uns mitorganisierten Demonstration am 19.09.2015 in Halle/Saale gehalten:

„Liebe Demonstrationsteilnehmenden, liebe Anwohnenden,

„Refugees Welcome to Paulusviertel“; oder sei es die Altstadt, sei es das Giebichensteinviertel; ist für uns eine Parole, die nicht nur in Halle gelten muss. Auch wenn Politik und Öffentlichkeit alles daran setzen, es zu leugnen: Die Zentren größerer Städte sind ein weitaus weniger gefärhliches Pflaster für Flüchtlinge als der ländliche Raum oder die abgehängten Stadtviertel am Rande – vor allem im Osten. Refugees müssen deshalb endlich dieselben Rechte erhalten wie jeder andere Mensch, zum Beispiel das Recht und die Möglichkeit, sich frei einen Wohnort zu wählen.
Angriffe auf Migranten, Aslyheime und deren Bewohner haben frappierende Ausmaße angenommen und zugleich bringt man Flüchtlinge in den Elendsgegenden der Städte oder auf dem flachen Land unter. Die logische Konsequenz für uns stellt die heute formulierte Forderung dar: Raus aus der Scheiße – rein in die Stadt.
Doch wir wollen mehr als kein Heidenau, kein Tröglitz, kein Halle/Silberhöhe. Wir wollen kein neues deutsches Selbstbewußtsein.
Kein Deutschland, das „Refugees Welcome“ brüllt und gleichzeitig Waffen in alle Welt verkauft. Keine Politik, die sich  empört von den Brandstiftern in Tröglitz, Berlin und Leipzig  distanziert und gleichzeitig Menschen im Mittelmeer ertinken lässt. Keine „Zivilgesellschaft“ die für sich in Anspruch nimmt das „helle Deutschland“ zu repräsentieren. 
Versteht uns nicht falsch:  Wir  begrüßen die Willkommensinitiativen mit Sprachunterricht,  gemeinsamer  Freizeitgestaltung usw usf; das alles hat aber auch seine  Kehrseiten,  wenn der Gesamtzusammenhang aus dem Blick gerät.

Zwar   mögen die Bilder von helfenden Menschen an deutschen Bahnhöfen, die   Wilkommensschilder halten und Lebensmittel und Kuscheltiere verteilen,  besser verdaulich sein als die von „Deutschland den Deutschen“  skandierenden Nazis oder brennenden Unterkünftigen etwa in   Salzhemmendorf, Aue oder jüngst in Porta Westfalica. Doch darf die so  beschrieene „Wilkommenskultur“ nicht darüber hinweg täuschen, dass die   Bundesregierung erst vor wenigen Wochen weitere restriktive Regelungen  in der Asylgesetzgebung verabschiedet hat, die es für geflüchtete  Menschen noch schwieriger macht, in Deutschland selbstbestimmt leben zu  dürfen. 
Die  Festung Europa, die seit Jahrzehnten das Mittelmeer zum Massengrab  macht, versucht mit  allen Mitteln, fliehende Menschen davon abzuhalten,  in den reichsten Ländern der Welt Schutz zu suchen. Kontinuierlich werden Wege gesucht, Menschen abzuschieben und  dies möglichst schnell. So werden stets weitere Länder, aus denen  Menschen aufgrund unwürdiger  Lebensbedingungen oder vor Verfolgung  fliehen, zu sicheren  Herkunftsländern erklärt. Die bayrische Regierung  beschloss zudem vor  wenigen Wochen, Abschiebelager für Menschen aus den  Balkanstaaten zu  errichten. Zur Legitimation wird die Mär von  Wirtschaftsflüchtlingen,  die nicht schutzbedürftig seien,  gebetsmühlenartig wiederholt. Es wird  stets selektiert zwischen „guten“, weil irgendwie nützlichen Flüchtlingen und unnützen „schlechten“. Von diesem Deutschland muss hier die Rede  sein. Eine „Refugees Welcome“ Demo muss auch immer ein Kritik am Bestehenden sein. 
Deutschland wird immer wieder ein Interesse daran haben, Menschen, die nicht auf dem deutschen Arbeitsmarkt verwertbar sind, loszuwerden. Wir dürfen schließlich nicht vergessen: Ein Großteil der aktuell ankommenden Flüchtlinge flieht vor dem Krieg in Syrien und Deutschland wird sie – wie es derzeit bereits mit dem Flüchtlingen aus dem Jugoslawienkrieg passiert – nach Ende des Krieges in ein zerstörtes Land abschieben. Zumindest wenn sie ihre Eignung als Menschenmaterial zur Steigerung des Bruttosozialprodukts nicht nachweisen können. Das ist der eigentliche Skandal der aufgesetzten Willkommensstimmung: Es geht nicht um Schutz vor Not und Elend als Menschenrecht, sondern darum, dass sich Deutschland an den Flüchtlingen gesundstoßen will. Sei es die ständige Betonung ihrer Nützlichkeit gegen den Fachkräftemangel – sei es die Forderung, den ausgedünnten ländlichen Raum mit Flüchtlingen zu besiedeln. Forderungen im übrigen, die nicht von der jetzigen Abschiebe-Regierung, sondern auch von den Staatsdienern im Wartestand von Linkspartei und Grünen in flüchtlingsfreundlicher Manier erhoben werden. Wer allerdings solche Freunde hat, die einen nur als Reparaturmasse für demographische, wirtschaftliche und sonstige Probleme und nicht als Mensch betrachtet, der braucht keine Feinde mehr. Oder möchte jemand leugnen, dass hinter solchen humanistisch verhüllten Forderungen eine rassistische Denkweise steckt – schließlich würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, biodeutsche Arbeitslose, Studenten oder Waisenkinder zur Besiedlung des ländlichen Raumes heranzuziehen und ihnen das Recht auf freie Wohnortwahl zu verwehren.
Deshalb steht für uns fest:
Deutsche Willkomenkultur ist eine  Melange aus dem Basteln von Brandsätzen und dem Basteln von Willkommenstranspis, eine zwischen Pogrom- und Partystimmung. Der öffentliche Streit um „die Flüchtlingsfrage“ ist kein Streit Pro- und Contra- Menschlichkeit, sondern ein Familienzwist um die unterschiedliche Einschätzung der Verwertbarkeit von Flüchtlingen innerhalb der politischen Eliten. Um also das „dunkle Deutschland“ von Tröglitz, Silberhöhe und Heidenau , wirksam zu bekämpfen, müssen wir auch das „helle Deutschland“ mit seinen Besiedlungsphantasien und ökonomischen Nützlichkeitsideologien bekämpfen – sind sie doch zwei Seiten derselben Medaille.

http://refugeeswelcometopaulusviertel.blogsport.eu/