Wir dokumentieren hier einen Redebeitrag der Demonstration „Schnauze in der Platte“:

Redebeitrag (Als PDF)

Liebe Genossen*innen, Hallo Silberhöhe-Einwohner*innen,

heute sind wir hier um zu fordern, was bei aktueller Sachlage noch nett formuliert ist: nämlich dass eine hetzende Meute von Lokalpatrioten die Schnauze halten soll. Uns geht es heute nicht darum jedem*r Silberhöhebewohner*in als Nazis hinzustellen, sondern zu zeigen, dass es genügend unter ihnen gibt. Und es müssen nicht einmal die bösen bösen Nazis sein, sondern auch die Leute, die sich in ihrer Denk-, Artikulations- und Handlungsweise kaum von ihnen unterscheiden, denen wir heute so richtig ans Bein pissen wollen.

Und das haben wir auch geschafft. Liest man sich die unzähligen Kommentare der Beiträge in den einschlägigen Facebookgruppen und -seiten durch, so hätte man genügend Anlässe sich zu belustigen oder zu weinen – je nachdem.

Wer nun in strukturschwachen Gebieten auf dem flachen Land oder eben der städtischen Peripherie aufgewachsen ist, der/die weiß, dass hier ein rauer Umgangston gepflegt wird. Nicht nur im Ausdruck sondern auch im Inhalt – dass man unter den Bedingungen der Erwerbstätigkeit, noch rasanter unter denen der Erwerbslosigkeit und der beschränkten Freizeit- und Konsummöglichkeiten schnell einem tristen Alltagsleben anheimfällt, kann niemandem zum Vorwurf gemacht werden. Es geht nicht darum die Menschen hier für ihre Lage zu denunzieren, sondern für das, was sie daraus machen. Gesellschaftliche Marginalisierung mündet nicht zwangsläufig in Fremdenfeindlichkeit. Diese entsteht da, wo die Leute sich ohnmächtig fühlen, keine Kontrolle über ihr Leben haben, es sich aber nun Schuldige finden müssen, die ihnen die Misere angeblich eingebrockt haben oder aber, wie im aktuellen Fall, es einer Abreaktion des angestauten Frustes bedarf. Auf die Idee, dass die kapitalisitsch organisierte Gesellschaft mit ihrem Zwang zur Verwertung maßgeblich für das in Lethargie und Stumpfsinn ertränkte Leben verantwortlich ist, kommen leider nur die Wenigsten.

Und das wiederrum nicht nur in Halle Silberhöhe, denn letzten Endes sind alle Menschen (auch die im Paulusviertel, der Neustadt oder Glaucha) denselben Bedingungen ausgesetzt – jede_r ist potenziell ein_e Verlierer_in. Jedoch gibt es einen Unterschied in der ökonomischen Situiertheit der Bevölkerungsteile, dementsprechend verstellt äußern sich auch die herkömmlichen Ausgrenzungsmechanismen.

Wir sind heute aber hier in der Silberhöhe, weil sich die Menschenfeindlichkeit genau hier in ihrer abgestumpften Form und ihrer hässlichen Fratze offenbart hat. Gerade hier, wo es sonst nicht viel gibt, bleibt einem nur die Identifikation mit dem Wenigen was man hat – nämlich dem Viertel.

Das Gemeinschaftsgefühl ist jedoch ein ambivalentes – hasst man seinen Nachbarn doch eigentlich, weil dieser in der letzten Woche den Hausflur nicht ordentlich genug gereinigt hat, so schweißt man sich dennoch mit ihm zusammen, wenn sich ein vermeintliches gemeinsames „Problem“ entdecken lässt. Ob dies herbeihalluziniert ist oder nicht, spielt dabei offensichtlich keine Rolle. Ob dies dem Bedürfnis entspringt, sich vielleicht doch über den engeren Bekanntenkreis hinaus in produktiver Weise mit Menschen zusammen zu tun, lässt sich natürlich nur mutmaßen. Wohin diese Schaffenskraft aber schon einmal geführt hat, zeigt den zynischen Gehalt des Wortes produktiv im Zusammenhang von „Gemeinschaft gegen Fremdes“.

Die Gemeinschaft bleibt unter sich und so fällt es schwerer einen Blick für etwas abseits von dem Bangen um die Existenz und dem Leben außerhalb der Platte zu bekommen, aber eben auch leichter, sich die Welt zu konstruieren und Störenfriede auszumachen, die das bisschen Halt, das bisschen, von dem geglaubt wird, es sei so etwas wie ein erfülltes Leben, angeblich gefährden. Nicht umsonst sind auf den Motiven der Gruppen und Aktionen der stolzen Silberhöhebewohner_innen, genau wie auf dem Flyer zu unserer Demonstration, Plattenbauten abgebildet. Nur werden sie nicht als das präsentiert, was sie sind: nämlich trist und grau, sondern fast ehrfurchtgebietend in Massen angepriesen.
Die Gemeinschaft existiert nicht erst seit Roma hier wohnen. Auch das Feindbild scheint beliebig. Ob es nun gegen sog. „Assi-Familien“, sprich Menschen mit geringem oder keinem Einkommen und vielen Kindern, Trinker oder die Antifa geht, spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Es geht um das Bedürfnis, die Halluzination eines angeblich idealen Stadtteils zu bewahren – was sich auch beim zweiten hingucken als völlig Farce enttarnt. Dem folgend erscheint es auch sinnlos der Hetze mit halb-affirmativen Aktionen, wie die des BündnisGegenRechts zu begegnen; ganz so als ob die hiesigen Hetzer*innen nur an einem Mangel an Informationen leiden würden und nur ein paar Irrtümer aus dem Weg zu räumen wären.

Den Hetzern aus der Platte geht es jedoch nicht um die Roma. Was auf sie projiziert wird, lässt sich genauso gut auf die Antifa, die „herkommen und vorschreiben wollen, wie wir hier wohnen“ (Zitat Fb-Gruppe Demo) oder andere Menschen anwenden, die der Halluzination eines angeblich idealen Stadtteils widersprechen.

Wir als Demonstration, als sogenannte „Antifa“ oder was auch immer, sind gern ein Feindbild – aber eben eines, dass Kontra gibt. Halle ist ganz sicher nicht „für die Roma“, wie es dem BGR und dem Friedenskreis mit ihrer Initiative gefallen würde. Wäre dem so, hätte die Hetze und die Diskussion ja nach der Kampagne abgeebbt. Doch ein deutlicheres „Nein!“, als in den anhaltenden Beiträgen und Empörungen gegen die Demo und nach wie vor auch die Roma kann es gar nicht geben.

„Nein!“ sagen auch alle aus der Silberhöhe, die sich zwar nicht an der Hetze beteiligen, aber stillschweigend hinnehmen, was der Rest verzapft. Vielleicht ist bei diesem Teil der Bevölkerung aber noch nicht alles verloren, deshalb ein ernsthaft gemeinter Aufruf an die Silberhöhe-Bewohner*nnen, die jedoch nicht weniger realitätsfern klingt, als die Forderung nach Zwangsumsiedelung: Hört auf euch in einem Kollektiv zusammenzurotten, dessen Identität sich über Herkunft, Lohnarbeit und anderen Unsinn definiert. Fangt an euch als eigenständige Individuen zu begreifen und hinterfragt die Verfasstheit der Gesellschaft und eurer Lebensumstände. Begreift endlich, dass die Roma in diesem Land in einer ähnlichen ökonomischen Lage sind, wie ihr. Sie werden auch an den Rand der Gesellschaft und der Stadt gedrängt, diskriminiert und benachteiligt. Auch sie zählen zu den Verlierern des Systems. Es wird euch nicht besser gehen, wenn sie weg sind. Dieser Stadtteil wird unbedeutend und hässlich bleiben, der Müll wird nicht weniger werden. Ändern kann sich erst etwas, wenn die Umstände, die dazu führen, hinterfragt und kritisiert werden. Sie sind Individuen wie ihr auch, mit Fehlern, genauso wie Gefühlen und ganz sicher auch Vorurteilen – sie sind nicht einfach nur „die Roma“.

Doch in Anbetracht der Situation – sind wir mal ehrlich, ist es mehr als fragwürdig, ob diese Forderung jemals jemanden erreichen wird. Die Verrohung, gegenseitige Verachtung, den Hass auf alles Fremde und das Elend der eigenen Existenz vor Ort können wir leider kaum adäquat beschreiben ohne uns den Vorwurf unserer akademisierenden Mitstreiter einzuhandeln unzulässige Zuschreibungen vorzunehmen. Deshalb sollen an dieser Stelle die Hetzer aus der Platte einfach selbst zu Wort kommen, denn aus ihren Facebookkommentaren wird viel von dem bestätigt, was bisher über die Bewohner der hiesigen Platte geschrieben und heute auch gesagt wurde. (Es folgten einige Kommentare der Plattenbaubewohner)