Unliebsame Dessauer oder auch ganz normale Bürger,

Sie alle demonstrieren heute völlig zu Recht gegen eine Nazihorde, die ihr schönes Städtchen mit Geschichtsrevisionismus zu verschandeln versucht. Auch wir haben etwas gegen Nazis! Auch wir sind heute hier um ein Zeichen gegen Nazis und deren Taten zu setzen. Jedoch stellt sich für uns die Frage, welche Beweggründe Sie heute dazu veranlasst haben zu demonstrieren.

Am 8. März kommen in Dessau gleichermaßen Gewerkschaftler, Parteien, Kirchenmitglieder oder „ganz normale Bürger“ zusammen, um Position gegen eine doch recht geringe Anzahl von Rückwärtsgewandten zu beziehen. Keineswegs soll das Gefahrenpotenzial der Neonazis relativiert werden, aber Dessau hat auch andere Probleme. So finden sich auch unter den Gegendemonstranten immer wieder problematische Ideologien: 1. Gleichgültigkeit, 2. Lokalpatriotismus und 3. Opfermythenbildung.

Zur Gleichgültigkeit: „Unsere Stadt hat kein Naziproblem“

An den restlichen 364 Tagen im Jahr ist die Naziproblematik dem gemeinen Dessauer egal. Drei rechts motivierte Mordfälle hat die Stadt zu verbuchen. Erinnert sei dabei an den wohl bekanntesten Fall des aus Sierra Leone stammende Oury Jalloh, der 2005 an Händen und Füßen gefesselt in einer Polizeizelle verbrannte. Hierbei waren die Verantwortlichen keineswegs Neonazis, sondern Personen aus der Mitte der Gesellschaft: Polizisten. Vor allem hier zeigt sich die Gleichgültigkeit, die bei der Aufklärung der Tat an den Tag gelegt wurde, um die Stadt nicht in das rassistische Licht zu rücken, welches ihr gebühren würde. Erinnert sei auch an Alberto Adriano, der 2000 im Stadtpark, also mitten im Herzstück der Stadt, für die Sie sich heute einsetzen von drei Naziskins zu Tode geprügelt wurde. Erinnert sei auch an Hans-Joachim Sbrzesny der 2008 von zwei Rechten in einem Park vor dem Hauptbahnhof in Dessau ebenfalls zu Tode geprügelt wurde.

Von diesen Taten möchte heute in Dessau niemand mehr etwas hören. Man möchte es kuschelig und warm haben, seine eigene Scholle bewahren und da macht es sich nicht gut, den latenten Rassismus, der dem Großteil der Dessauer innewohnt zu kritisieren.

Würde man sich mal genauer in der Stadt umhören, würden die rassistischen Ressentiments, die sich durch alle Gesellschaftsschichten ziehen, zu Tage treten. So müssen vor allem Migranten und alternativ aussehende Jugendliche täglich mit Angst oder zumindest Unbehagen durch Dessaus Straßen gehen. Hauptsache viele Bürger können am 8. März ihr Engagement gegen Nazis zeigen, um den Rest des Jahres ihre Ruhe zu haben.

Sollte der gesellschaftlich verankerte Rassismus doch mal durch Taten ganz normaler Bürger offenkundig zu Tage treten, wird dies schnell ignoriert, geleugnet oder klein geredet. So zum Beispiel die rassistischen Demonstrationen, nach einem Messerangriff auf einen Dessauer Fußballspieler 2012. Man selber streitet in dem Zusammenhang Ressentiments ab und will die Stadt lediglich vor „Eindringlingen“ schützen, so fordert schon der Nachwuchs am Gymnasium Philanthropinum in der MZ , dass die Stadt endlich zur Ruhe kommen solle. Ruhe haben will der Mittelstand vor allem vor linken Kritikern, Migranten und heute vor allem vor Nazis. Die rassistischen Mitbürger scheinen das geringere Problem zu sein, schließlich kommen diese ja „von hier“.

Zum Lokalpatriotismus: „Unsere Stadt ist bunt.“

An diesem Tag wird Dessau als weltoffene und bunte Stadt dargestellt, welche sie aber zweifelsohne nicht ist. Dieses realitätsferne Schwadronieren von blühenden Landschaften und das Demonstrieren gegen Nazis ist gleichermaßen Selbstbetrug als auch Ausbruch aus dem sonst so grauen Alltag. Sich mit Menschenketten und lauthals „Nazis raus!“ rufend auf die Straße zu stellen und Bratwurst gegen rechts zu essen ist das Eine. Sich selbst zu hinterfragen fällt dabei schon etwas schwerer. Sind die heute anwesenden Parteienvertreter tatsächlich glaubwürdig, wenn sie einerseits in ihren Reden gegen Nazis wettern, aber andererseits mit ihrer Politik den Nährboden für eben diese Weltanschauung schaffen? Dabei sei nur an den Asylkompromiss erinnert, der 1993 in Kraft trat und das Asylrecht faktisch abgeschafft hat. Sollten die Flüchtlinge es überhaupt bis Deutschland schaffen und nicht schon an den europäischen Außengrenzen sterben, sind die Lebensumstände in den Flüchtlingsheimen auf die sie hier treffen unmenschlich. Hinzu kommen viele Alltagsrassisten, die eine pogromartige Stimmung herbeiführen. Man schaue sich nur die Verhältnisse im nahegelegenen Flüchtlingslager Vockerode an.

Die Stimmung, die dort herrscht, ist auch ein Resultat ihres Lokalpatriotismus. Dieser führt immer zur Ausgrenzung „der Anderen“ und sollte deshalb nicht als Argumentationsmuster à la „Unsere Stadt bleibt nazifrei!“ benutzt werden. Denn der Begriff „Volksgemeinschaft“ auf derSeite der Rechten könnte auf der Seite vieler Gegendemonstranten ganz einfach durch „Stadtgemeinschaft“ ersetzt werden. Anstatt zu reflektieren, stellt man sich lieber als Opfer dar, da die Stadt nun „einmal jährlich von Nazis heimgesucht“ wird. Dabei wird verleugnet, dass diese nicht nur von Außen kommen, sondern zu Dessau gehören, wie die Fliege zum Scheisshaufen. Das Einzige was man den Nazis entgegen zu setzen hat, sind ideologisch ähnliche Handlungsmuster: Massenmobilisierung in alle Richtungen und das Schaffen einer städtischen Identität. Nun mögen einige sagen: „Aber wir dürfen das doch! Wir sind doch nicht die Bösen.“

Zur Opfermythenbildung: „Unsere Stadt mit Lichterketten gegen Krieg.“

Die Einteilung in pauschal Gut (Gegendemonstranten) und Böse (Neonazis) ist insofern falsch, dass viele der Gegendemonstranten sich nicht ausreichend selbst reflektieren oder gleichermaßen für Deutschland und gegen Nazis sind. So wird von ebendiesen Vertretern oft behauptet, man könne doch stolz auf Dessau, Anhalt und Deutschland sein, weil man es besser wüsste und aus der Geschichte gelernt hätte. Das Einzige was Stadtoberhäupter und „ganz normale Bürger“ gelernt haben, ist die Geschichte zu verfälschen und sich selbst als Opfer darzustellen. Wenn nun kirchliche und städtische Vertreter heute in Dessau aller Opfer des Nationalsozialismus gedenken wollen und dies durch Andachten und Lichterketten zum Ausdruck bringen, ist klar, dass Ursache und Wirkung vertauscht werden. Unter „Opfer“ verstehen sie nämlich nicht etwa die Millionen von den Deutschen ermordeten Menschen. Vielmehr werden die Deutschen“ bzw. die „Dessauer“ zu unschuldigen Opfern der alliierten Bombardements verklärt. Die Deutschen waren keine Opfer einer Handvoll irregeleiteter Verrückter, sondern allesamt Mittäter. Die Alliierten Bombenangriffe kamen nicht aus „heiteren Himmel“, sondern waren das logische Resultat grausamer Nazitaten und der letzte Ausweg zur Beendigung des Nationalsozialismus in einer Zeit, in der eben nicht mehr Frieden durch Lichterketten“ geschaffen werden konnte.

Statt der Tatsache hinterher zu trauern, dass es überhaupt soweit kommen musste, wird alter Bausubstanz hinterher getrauert. Nicht umsonst ist Dessau heute eine hässliche Plattenbaustadt. Das „Zeichensetzen“ durch Lichterketten ist am heutigen Tage viel mehr Selbstberuhigung und Selbstdarstellung, als eine kritische Reflexion der Verhältnisse. Dessau will sich als Opferstadt deklarieren und mit dem Finger auf eine Handvoll Störenfriede zeigen. Dabei ist es weitestgehend egal ob diese „Störenfriede“ Migranten sind, die Aufklärung im Falle Oury Jalloh fordern oder Linke, die den alltäglichen Rassismus kritisieren oder die Nazis die heute hier demonstrieren.

Wir sagen: „Gegen den deutschen Normalzustand! Gegen jededeutsche Ideologie!“